Gemeinsam bis zum Schluss

Artikel erschienen in der Kreiszeitung am 30.10.2020

„Letzte Hilfe“-Kurs unterstützt Familien, die einen Sterbenskranken pflegen

Gemeinsam bis zum Schluss

Landkreis Nienburg – 60 Prozent der Deutschen möchten zu Hause sterben. Im Kreis ihrer Familie. Das geht aus einer repräsentativen Studie des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes hervor. Doch viele Familien überfordert dieser Wunsch, weiß Ilona Romaus. Die 53-jährige Krankenschwester ist Koordinatorin im Nienburger Hospiz Dasein und möchte Betroffenen helfen. Darum haben sie und die Medizinerin Mechthild Schmithüsen vom Palliativstützpunkt Nienburg einen „Letzte Hilfe“-Kurs initiiert.

Frau Romaus, wie sind Sie auf die Idee der „Letzten Hilfe“ gekommen?

Ich war erst etwas zögerlich, weil meine erste Situation in dieser Richtung unglücklich gelaufen ist. Aber Mechthild Schmithüsen vom Palliativstützpunkt Nienburg hat mich immer wieder und immer wieder gedrängt, da etwas zu machen. Heute bin ich froh, dass wir es gemacht haben – es ist eine ganz tolle Sache! Das Konzept stammt aber nicht von uns, sondern von dem Palliativmediziner Georg Bolling. Er hat nach dem Vorbild der „Ersten Hilfe“ die Kurse zur „Letzten Hilfe“ ins Leben gerufen.

 

Worum geht es dabei?

Wir vermitteln in vier Blöcken Wissen zu den Themen Sterben, Vorsorge, Leidenslinderung und Trauer. Die Teilnehmer lernen, Symptome auch ohne Medikamente zu lindern und Abschied zu nehmen. Es gab in unserem vierstündigen Kurs nicht nur viele theoretische Informationen, sondern auch einen Überblick über ganz praktische Dinge, wie die Wirkung von Düften und beruhigenden Massagen oder Tipps, was man bei Atemnot tun kann.

Sind Sterben und Tod denn immer noch ein Tabuthema?

O ja, immer noch! Öffentliche Vorträge zu dem Thema sind unserer Erfahrung nach mau besucht, das will keiner hören. Auch und gerade in der Corona-Krise. Wir haben am 24. Oktober auf dem Nienburger Wochenmarkt eine Aktion zum Thema Hospiz gemacht. Die hieß „Wenn ich den Löffel abgeben muss ...“. Wir wollten dabei mit Menschen über die Endlichkeit des Lebens, aber auch über Hoffnungen und Stärken ins Gespräch kommen. Zudem haben wir um Spenden von Silberlöffeln gebeten, um mit dem Erlös unsere neue Kinder-Trauerarbeit zu unterstützen. Dabei haben wir gemerkt, dass sich keiner wegen diesem Thema ansprechen lassen wollte. Auf der anderen Seite sind einige Leute ins Büro gekommen und haben uns silberne Löffel gespendet. Aber über das Sterben reden? Nein. Es ist also immer noch schwierig.

Beide Seminartermine zur „Letzen Hilfe“ waren aber ausgebucht. Also scheint das Thema Tod den Leuten doch wichtig zu sein.

Ja. Obwohl wir für den Kurs keine Werbung gemacht haben, waren es jeweils zehn Leute. So ist es einfach. Alle, die aus dem Kurs rausgehen, haben ein bisschen mehr Sicherheit. Das ist das Wichtigste, glaube ich. Die größte Sorge der Menschen ist immer, bei der Sterbebegleitung etwas falsch zu machen. Wir sagen dann immer, dass das eigentlich nicht geht.

Woran erkenne ich, dass jemand im Sterben liegt?

Das ist individuell, so wie jeder Mensch individuell gelebt hat. Ich habe oft beobachtet, dass es damit anfängt, dass die Person viel und oft schläft. Oft wollen die Leute nicht mehr viel essen oder trinken. Wenn es direkt ans Sterben geht, sieht man Marmorhaut an den Beinen, der Körper scheidet weniger Urin aus.

Was kann ich als Laie überhaupt für einen sterbenden Menschen tun?

Es ist zum Beispiel ganz wichtig, zu wissen, dass Menschen, die sterben, nicht mehr essen und trinken müssen. Es ist nicht mehr nötig. Wichtig ist stattdessen Zuwendung. Das kann das Handhalten sein, oder auch eine sanfte Fußmassage. Dabei kommt man der geliebten Person auch noch einmal nahe. Ein wichtiges Thema – auch in unserem Kurs – ist die unkonventionelle Mundpflege. Menschen, die sterben, atmen oft durch den Mund. Das trocknet die Schleimhäute aus und fühlt sich unangenehm an. Dann kann man die Mundschleimhaut befeuchten – das ist eine Wohltat für den Betroffenen. Dabei geht es dann ums Wohlfühlen. Die Familie kann etwas nehmen, das der Sterbende immer gern geschmeckt hat, sei es Saft, Wein, Kaffee oder Honigbutter. Ich habe in der Sterbebegleitung bei einem jungen Mann auch schon einmal Cola-Weinbrand verwendet, weil das früher sein Lieblingsgetränk war. Es kommt nur noch aufs Wohlfühlen an.

Zur „Letzten Hilfe“ gehören auch tröstliche Rituale für die Hinterbliebenen. Wie kann man sich das vorstellen?

Auch das ist sehr verschieden. Wenn ich zum Beispiel in den Raum komme, in dem der Verstorbene liegt, mache ich immer zuerst das Fenster auf – damit die Seele raus kann. Man kann den Menschen auch liebevoll herrichten, seine Hände im Bett zurechtlegen, die Laken glatt ziehen, solche Dinge. Einige Familien nehmen zusammen Abschied am Bett des Verstorbenen, andere beten oder räumen das Zimmer auf, dekorieren es mit Blumen oder Kerzen.

Ändert die Corona-Pandemie etwas an der „Letzten Hilfe“?

Wir sprechen im Kurs ja die Angehörigen an. Im Grunde ändert es nichts. Höchstens das Pflegepersonal kommt mit Mundschutz.

Von Katrin Köster

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